| Dictionnaire Critique
von M.Leiris, C.Einstein, M.Griaule, G.Bataille, G. H. Rivière
"Alle Dinge sind hassenswert,
wenn sie wie Strafarbeiten gemacht werden." ( M.Leiris )
"Seit Flaubert( oder seit Bayke?)
gibt es antiakademische, revolutionäre, erfinderische, unbegreifliche
und poetische Wörterbücher, die das Alphabet eines anderen Wissens
buchstabieren."
Das "Dictionnaire Critique" gehört
zweifellos zu diesen ein anderes Wissen kolportierenden Wörterbüchern.
Innerhalb der von Frühjahr
1929 bis Frühjahr 1931 erscheinenden und vor allem durch den Schriftsteller,
Kunsthistoriker und Kunstkritiker Carl Einstein geprägten Kunst-Zeitschrift
"Documents" stellte dieses Wörterbuch quasi die eher abseitig plazierte
"Spielwiese" George Batailles dar, (s)eine Zeitschrift in der Zeitschrift.
Im Unterschied zum "glossarischen
Wörtergeklapper" der Dadaisten blieben im Dictionnaire Critique die
Wörter intakt, ebensowenig wurde der Satzbau, obschon herausgefordert,
nicht destruiert. Darin bestand und besteht die Anziehungskraft der
in diesem Wörterbuch angestrebten anderen Vernunft. Statt sich
in die Reihe der historisch säkularisierten, lexikalisch mechanisierten
und von Generation zu Generation weitergegebenen Wahrheiten des alphabetisch-rationalistischen
Verstandes einzufügen oder sich dem schüttelreimenden (Un-)Sinn
dadaistischer Verbal-Rafinessen einer bloß sprachtechnisch durcheinandergebrachten
Ordnung anzuschließen, suchen die Autoren des "kritischen Wörterbuchs"
andere, verborgene, vergessene, perspektivisch veränderte, widersprüchliche
Bedeutungen für die von ihnen anvisierten Lemmata. "Das, wofür
die Metapher stehen könnte, wird dabei selbst zur Metapher." Die Montage
formverwandter Dinge, die "zufällige Kombination von realen Elementen"(Barthes),
die auf rätselhafte Weise ineinander übergehen, sollte sich dabei
langsam einer Schrift des Wirklichen annähern.
"Durch solche Realmetarmophosen
wird das Genre des Wörterbuchs zu einer veritablen Fabrik neuer, nie
gesehener unzusammenhängender Zusammenhänge. Das Dictionnaire
Critique ist also kein noch so raffiniertes Wörterspiel, es zeigt
nicht bloß reine Zeichen und es gefällt sich nicht nur in der
Zurschaustellung der Idiotie herkömmler Wissensrituale.(...). Das
assoziative Feld wird betreten, der Himmel der Bedeutungen ist offen,
aber die Realitäten- und seien es nur die Trümmer des Realen-
werden ernstgenommen."
Statt noch länger die Werkzeuge
einer "erschwindelten" Dauer zu sein, sollten die Begriffe von "Gummizellen
der Logiker" zu
die Neugier inspirierenden Orten
und Vehikeln der Verausgabung und perspektivischen Überschreitung
werden.
Unter dem Vorhaben "nicht mehr den
Sinn, sondern die Verrichtungen der (...)Wörter (zu) verzeichnen"
(G.Bataille) wurden im Dictionnaire Critique Einträge von fremden
oder fremd gewordenen Redewendungen wiedergegeben, offizielle Sprachregelungen
registriert und mit überraschenden Zeugnissen aus Literatur und Umgangssprache
kontrastiert. Zugleich ging es den Autoren des Dictionnaire Critique darum,
innerhalb eines nichtzivilisierten Diskurses den Räumen und Dingen
zur Sprache zu verhelfen, statt sie ihrem Dasein als "Leichen" innerhalb
einer wissenschaftlich versteinerten Begriffsordnung oder sogar ihrer völligen
Sprachlosigkeit zu überlassen.
| "Das
Absolute ist die Summe der Entschädigungen für das menschliche
Elend."(G.Bataille) |
Weil die alphabetische Vernunft
aufgrund ihres Bestrebens um eindeutige Objektivität, deren Resultate
für gewiss erklärt werden müssen, geradezu zwangsläufig
Fehler erzeugt, verabschiedeten sich die Autoren des "kritischen Wörterbuchs"
von diesem Anspruch auf Gewissheiten und führten das Subjektive in
die abgeschlossene Welt rationaler Vernunft ein. Mit dem Aufgeben des Ziels
der Unfehlbarkeit verschwanden zugleich auch die Fehler. Der wissenschaftlich
verifizierbare (Minus-)Wert eines Fehlers wurde auf dem weitaus unsichereren
und offeneren Terrain intuitiv-verstandesmäßiger Annäherungen
an die einzelnen Objekte völlig bedeutungslos.
Die alphabetische Vernunft identifizierten
die Autoren des Dictionnaire Critique demnach von vornherein nicht als
alleingültige Wahrheitinstanz über die materielle Wirklichkeit,
sondern als lediglich eine (nämlich die wissenschaftliche) Variante
zahlreich möglicher Annäherungen und zudem als eine
sehr reduzierte.Der Wunsch nach der Gültigkeit von adäquaten
Begriffen
ist motiviert vom Wunsch nach dem Begreifen der Materie, doch da
die materielle Welt "in letzter Instanz" unbegreiflich und unfassbar bleibt,
kann es sich immer nur um einen Versuch handeln, ihr vermöge der menschlichen
Werkzeuge des Begreifens, der Begriffe (relativ) nahe zu kommen.
"Sie
verspüren keinerlei Begehren, aus ihrer Haut zu treten, und diese
friedliche, durch keine
Neugier
gestörte Genügsamkeit ist ein greifbares Zeichen jener unerträglichen
Selbstgefälligkeit,
die
zum auffälligsten Erbe der meisten Menschen gehört." (M.Leiris) |
In diesem Wörterbuch wurden
menschliche Produkte wie Tonfilme, Fabrikschornsteine, Töpferware
und Wolkenkratzer untersucht und bildeten gewissermaßen die
positive Komponente der von den Autoren begonnenen Arbeit gegen die Gestalt
, wie z.B. diejenige der Spucke, die weit mehr ist als "das Produkt einer
Drüse". Ein weiteres Objekt der Betrachtung bestand in der Metarmophose
des Menschen zum wilden Tier, denn die Stellung und das Verhalten des Menschen
gegenüber dem Tier gehörte zu den wiederkehrenden Themen dieses
Buches. Dem Staub, der der Mensch war und zu dem er wieder werden wird,
galt
ebenso ein Artikel wie dem Schlachthof als verfemter Teil der westlichen
Zivilisation, der in der modernen Gesellschaft eine ähnliche
Schattenexistenz führt wie der Friedhof. Da er ebenso wie jener an
den Tod erinnert ( und zudem an die Grausamkeit des Tötens), wird
er von "der Kultur" marginalisiert, bis es den Menschen zu einem inneren
Bedürfnis geworden ist, " sich durch Züchtigung in eine amorphe
Welt zu flüchten, in der es nichts Grauenhaftes mehr gibt, und in
der sie, dem unauslöschlichen Zwang zur Schande unterworfen, darauf
zurückgeworfenn sind, Käse zu essen."(Georges Bataille)
Die nicht bloß obligatorischen
Illustrationen dieses Buches verweisen zugleich darauf, Wort und Bild gleichermassen
-und miteinander verbundene- Bedeutung zuzugestehen und weder der Sprache
des Alphabets noch der des reinen, von seiner Bezeichnung entledigten Bildes
den Vorrang bei der "Erörterung" der Materie zu geben. Wort
und Bild treten in eine grundsätzlich gleichberechtigte Beziehung,
die die bis dahin existierende Synchronizität häufig de- und
daraufhin regeneriert, aber nicht um einer einzigen, nun modifizierten
Wahrheit willen, sondern, um eine Vielzahl möglicher Auffassungen
inmitten des mit ausgestopften Begriffen angefüllten Museums
alphabetischer Vernunft zu eröffnen.
Das Wörterbuch umfasst : Absolut,
Arbeit, Architektur, Auge, Benga (Féral), Black Birds, Bonjour (Brüder),
Debakel, Engel, Fabrikschornstein, Hygiene, Joujou, Kali, Kamel, Keaton
(Buster), Krustentiere, Kulte, Materialismus, Mensch (I und II), Metamorphose,
Metapher, Mund, Museum, Nachtigall, Raum, Reptilien, Schlachthof, Schöngeist,
Schwelle, Sonne, Spucke, Staub, Strafarbeit, Talkie, Töpferware, Unglück,
Wolkenkratzer und Formlos.
Alle Zitate sind dem "Kritischen
Wörterbuch" entnommen.
Die im Text ohne Verfasser angeführten
Zitate stammen aus dem Nachwort des in deutscher Übersetzung 2005
im Merve-Verlag erschienenen "Kritischen Wörterbuch", dessen Nachwort
ohne Autorenangabe abgedruckt wurde.
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"...die meisterhafte Erscheinung des menschlichen Antlitzes mit
geschlossenem Mund, schön wie ein Safe." (G.Bataille )
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